Toben im Tattoostudio

Toben im Tattoostudio

MEIN HIRN & ICH SITZEN IN DER PATSCHE

Hätte mir vorgestern jemand prophezeit, ich würde mich mit einem Fünfundzwanzigjährigen auf dem Fußboden eines Tattoostudios wälzen, hätte ich befremdet die linke Augenbraue hochgezogen und geantwortet: eher unwahrscheinlich. Oder anders formuliert: Die Wahrscheinlichkeit für einen derartigen Vorgang liegt bei ziemlich genau NULLKOMMANULL Prozent, und das auch nur, weil es negative Wahrscheinlichkeiten nicht gibt. Oder noch anders formuliert: Das einzig denkbare Szenario wäre, dass man mich verschleppt hätte, um mich zwangszutätowieren, und ich mich nach Leibeskräften zur Wehr setze. Kurz: Eher unwahrscheinlich. Nun hat etwas Derartiges gestern tatsächlich stattgefunden.

Wie konnte es so weit kommen?

Nachdem mein erster Versuch, meine innere Elfe zu entfesseln, in einem Desaster endete, unternahm ich todesmutig einen zweiten Anlauf. Contact Impro statt Contemporary. Klingt einerseits ähnlich und andererseits nach Kontakt und Improvisation, also schlimm genug, auch das schnell hinter mich bringen zu wollen. Vor wenigen Wochen hörte ich zum ersten Mal überhaupt von diesem Tanzstil. Ich sah mir einige Youtube-Videos an und dachte: nicht in diesem Leben. Meine Inkarnation sitzt und liegt sehr gerne und das kann schließlich auch nicht jeder. Mein Hintern und ich hatten uns allerdings vorgenommen, der Elfe zu helfen und dann muss sowas eben auch mal sein. Mein Hirn, bekanntlich ein besonders erfahrener Bescheidwisser, warnte: So bewegungslegasthenisch wie du bist, solltest du fürs Sitzendürfen dankbar sein.

2019 steht unter dem Motto „Zum Glück weniger Hirn“ und so wurde es kurzerhand überstimmt. Ich suchte im Internet was Passendes heraus, da es derlei Tanzveranstaltungen in vielen Städten gibt. Gestern war es soweit und ich machte mich auf den Weg zum Contact Impro Jam im Tattoostudio. Das klingt schon so als wäre die Zielgruppe mit mir knapp verfehlt. Durchs Schaufenster konnte ich bereits sehen, dass der Altersdurchschnitt durch meine Anwesenheit exponentiell nach oben schnellen würde. Anders als beim ersten Versuch waren relativ viele junge Männer dabei. Mein Hirn schlug vor, auf dem Absatz kehrtzumachen und den Nachmittag gemütlich im heimischen Schaukelstuhl zu verbringen.

Wir blieben. Drinnen waren etwa zwanzig Leute, glücklicherweise doch auch einige meiner Generation. Bequeme Kleidung, bloße Füße, Schmuck ablegen. Frisch geduscht und ganz in schwarz hoffte ich, am besten gar nicht oder wenigstens nicht unangenehm aufzufallen. Vorstellungsrunde. Einige machen seit vielen Jahren Contact Impro, einige seit geraumer Zeit, drei andere und ich zum ersten Mal. Da mein Hirn derzeit möglichst häufig Sendepause hat, hatte ich mich nicht weiter auf den Jam – für noch Ältere als mich: Dschähm, englisch, Wortbedeutung: Marmelade, Ladehemmung oder Schlafanzug, to jam: verklemmen, hängenbleiben oder frei improvisieren, to be in a jam: in der Patsche sitzen – vorbereitet.

Contact Impro Jam

Vorhin erst las ich, wo ich da eigentlich war. Wikipedia erklärt: „Contact Improvisation ist ein zeitgenössischer Tanzstil, bei dem es um die aktive Entdeckung aller Bewegungsmöglichkeiten geht, die zwei oder mehr menschliche Körper ausführen können. … Die Ausübenden versuchen, alle Bewegungsmöglichkeiten und Bewegungen des Körpers zu erforschen, zum Beispiel in dem sie sich gegenseitig das Gewicht abgeben, an- und übereinander rollen, klettern und schwingen. … In einem Duett konzentrieren sich die Tanzenden auf einen einzigen Berührungspunkt zwischen ihren Körpern. Im Verlauf des Tanzes wird dieser ‚rollende Kontaktpunkt‘ bei gleichbleibend langsamen Tempo kontinuierlich in Bewegung gehalten.“

Nach einer Einführung beginnen Musik und Bewegung. Ich schaue mich um, keine Ahnung, was ich nun tun soll, leicht im Takt wiegen und erstmal richtig im Hier und Jetzt ankommen, sowas halt. Andere finden sich zu Paaren zusammen und beginnen übereinander und untereinander zu rollen und zu klettern. Das Hirn stänkert: Siehste, sag ich doch, mit dir tanzt sowieso keiner. Als ich gerade überlege, wie ich aus dieser Nummer möglichst unauffällig und unfallfrei rauskomme, greift jemand nach meiner Hand. Der noch schlimmere Albtraum wird wahr. Ein etwa Fünfundzwanzigjähriger mit hippem Bart und coolem Bun (für noch Ältere als mich: Brötchen, Dutt) lächelt mich auffordernd an. Hirn: Flüchten, auf der Stelle flüchten! Hintern: Äh, interessant. Was machen wir denn jetzt?

Weder Hirn noch Hintern wissen eine Antwort und so fügen wir uns ins Unvermeidliche. Soll doch dieser Junge dafür sorgen, dass das was wird, wir sind hier nicht zuständig. Er greift nach meinem linken Knöchel. Was jetzt? Ich hebe den Fuß, schaue ihn fragend an. Wir drehen uns ein paar Mal umeinander im Kreis, dann geht es eine Etage tiefer weiter. Er rollt mich hin und her, klettert über mich drüber. Überall sind Arme, Beine und Bäuche. Es geht wild durcheinander. Meinem Hirn ist die Lage endgültig zu unübersichtlich, es schaltet resigniert auf stand-by. Plötzlich beginnt der improvisierte Kontakt Spaß zu machen. So hatte ich mir Tanzen zwar auch nicht vorgestellt, aber über den Boden zu toben geht schon mal in die richtige Richtung. Mir wird warm.

Stierkampf und Puppenspiel

Wechsel. Eine sehr junge, sehr große, sehr grazile Tänzerin mit braunen Locken baut sich vor mir auf und schaut flamencohaft auf mich herab. Rein optisch bin ich in diesem Spiel vermutlich das Tier. Der Stier will stark und stolz sein, mein spanischer Körper dreht sich dramatisch um die schöne Torera. Sie sticht immer wieder zu bis ich tödlich getroffen der Schwerkraft nachgebe. Die nächste Frau ist eine Marionette, die starr geradeaus ins Leere blickt und deren Glieder an unsichtbaren Fäden hängen. Da ich schon länger nicht mehr mit Puppen gespielt habe, fällt mir auf Anhieb nicht viel ein. Ich stupse sie an, erst vorsichtig, dann kräftiger. Sie lässt alles mit sich machen und verzieht keine Miene. Am Ende werfen meine Knie ihren Oberkörper immer wieder hoch und fangen ihn auf bis ich lachend nach Luft ringe.

Inzwischen rinnt allen der Schweiß herunter, die T-Shirts dampfen feucht, das Licht spiegelt sich in zwei kleinen Pfützen mitten im Raum. Die vielen Fünfundzwanzigjährigen haben sich übereinandergeworfen und kugeln kichernd von einer Seite auf die andere. Ich erinnere mich, wie traurig ich es damals fand, zu alt für das Ikea-Bällebad geworden zu sein, und bekomme eine Ahnung davon, warum jemand Schaumpartys und Schlammcatchen erfunden hat.

Nach zwei Stunden ist mein erster Contact Impro Jam vorbei. Die Elfe ist für den Anfang ganz zufrieden, auch wenn es mehr Kindergeburtstag war als korrekt rollender Kontaktpunkt. Einen Tag später hat mein Hirn sich erholt, und weil es seine Rolle als Spielverderber sehr ernst nimmt, erklärt es mir ganz genau, was mir alles peinlich sein sollte. Da wir uns lange kennen, weiß ich, dass es evolutions- und biographiebedingt viel Unsinn redet. Es ist ein wenig bequem und es ist eine Memme. Seinetwegen könnten wir unseren Lebensabend mit Schokolade im Schaukelstuhl verbringen. Andere sind damit schließlich auch zufrieden. Ja, aber wir nicht, wir haben uns für die rote Pille entschieden und wissen: Hinter der Angst wartet die Freiheit. Wir experimentieren weiter. Das Hirn kommt mit, aber es wird nicht gefragt. Vielleicht schreibe ich eines Tages einen Text mit der poetischen Überschrift „Tantra in der Tatra“. Noch scheint es dort keine einschlägigen Angebote zu geben. Auch Google darf sich noch entwickeln.

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