Scheinwerfer in der Schnitzelranch

Lesebrille

Wer alle fünf bis sechs Sinne beisammen hat, kann in der Regel zunächst einigermaßen barrierefrei durch den Alltag balancieren. Der Mensch funktioniert ungefähr bis zum vierzigsten Lebensjahr halbwegs wartungsarm. Doch kaum sind die Sprösslinge aus dem Gröbsten raus und in der Karriere war von Kick bis Knick alles schon dabei, gerät das fein justierte System ins Wanken.

Nasen und Ohren wachsen bis zum Lebensende, vermutlich um Platz zu schaffen. Insbesondere das männliche Haar zieht sich in den Kopf zurück, um von dort durch Nase und Ohren wieder Richtung Licht zu wuchern. Auch die Augen werden immer größer. Jedenfalls wenn man der nachlassenden Sehkraft entsprechend immer dickere Lesebrillen zwischen das eigene Gesicht und die Welt schiebt.

Lesebrillen sind ein Symbol der Kapitulation vor der Unzulänglichkeit der menschlichen Natur. Ich mache da nicht mit. Vor ungefähr vierzig Jahren startete ich mit minus null Komma fünf Dioptrien und war schon in der Grundschule zur Brille verurteilt. Man hat mir diese Schmach damals damit schmackhaft gemacht, dass Kurzsichtige intelligenter seien als Normale. Mein Hirn scheint diese Korrelation überbewertet zu haben. Bereits in der Oberstufe lag ich bei rekordverdächtigen minus acht und minus neun Dioptrien.

Ein einziges Mal habe ich mich ohne Sehhilfe auf die Straße gewagt und nur knapp überlebt. Scharf sehen kann ich zwanzig Zentimeter weit. Es gibt nicht viel, was sich unter normalen Umständen in diesem Abstand befindet. Nur das Stück Schokolade zum Beispiel, mit dem ich mich gerade tröste, kurz bevor es dem Geschmackssinn zur Verfügung gestellt wird. Kontaktlinsen kosteten damals vierhundert Mark, die ich ein ganzes Jahr lang bei Dorstens einzigem Optiker abstottern musste.

Lange glaubte ich, wenn eines fernen Tages die Altersweitsicht von meinen Augen Besitz ergriffe, würde dies die Lage verbessern. Minus neun Dioptrien plus zwei Dioptrien gleich minus sieben. Meine Augen haben mit Mathe nichts am Hut und liefern inzwischen nur noch im Abstand zwischen zehn und zwanzig Zentimetern brauchbare Bilder. Dank meines Kindle ist die gesellschaftliche Teilhabe trotzdem gesichert.

Als sich die ersten Anzeichen bemerkbar machten, habe ich mein Umfeld mit hundert Minitaschenlampen bepflastert. In jeder Tasche, in jeder Jacke und in jeder Schublade lagen die unauffälligen Helferlein bereit. Ich gehe gern auswärts essen. Haben der Edelitaliener und die Schnitzelranch nichts gemeinsam, eins eint sie doch: ich kann ihre Speisekarten nicht lesen. Nach einer Weile reichten die Minileuchten nicht mehr. Inzwischen führe ich in allen Taschen Scheinwerfer und Lupen mit. Letzte Woche fragten mich zwei dreißigjährige Freundinnen, ob mir das nicht peinlich sei. Ob ich schon einmal in Erwägung gezogen hätte, eine Brille zu nutzen? Niemals!

Schon als Kind war ich sicher, dass ich sehr alt werden würde. Daher habe ich mit dreißig aufgehört zu rauchen und angefangen durch den Park zu schnaufen. Meine gefühlte Lebenserwartung lag bei neunzig Jahren. Durch den demografischen Wandel sind es inzwischen hundertfünf. In viereinhalb Jahren ist also Bergfest. Bis dahin will ich einen Spagat schaffen. Fünfzig ist das neue Dreißig und mit Mind-Diät – regelmäßig Nüsse, Beeren und Rotwein – bleibt auch das Hirn auf Zack.

Dumm nur, dass nicht alle Körperteile die gleiche Ausdauer an den Tag legen. Hier setze ich auf den technischen Fortschritt. In zwanzig, dreißig Jahren sollte es doch wohl möglich sein, ganze Augen auszutauschen. Es gibt bereits menschliche Ohren aus dem 3-D-Drucker, die lebende Zellen enthalten. Na also.

Bis es soweit ist, helfe ich mir selbst. Für absolute Notfälle – in der Badewanne, bei Kerzenlicht mit einem gedruckten Buch mit sehr kleinen Buchstaben – liegt eine Brille mit integrierten Leuchtdioden bereit. Ich freu mich schon auf die neuen Augen.

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