Underberg? Echt jetzt?

Underberg-Spieldose

Die meisten Menschen haben nicht nur Träume, sondern auch Traumen. Oft aus der Kindheit. Ich auch. Viele Jahre habe ich mich für meinen Namen geschämt. Zumal ich nicht immer mit Barbara angesprochen wurde. Die erste Idee meiner Eltern war, mich Elke zu nennen. Die einzige Elke, die ich in meinem bisherigen Leben kennengelernt habe, war in meiner Grundschulklasse und hatte verfaulte Zähne.

Nachdem sie Elke verworfen hatten, sollte es eine Bärbel sein. Bärbel! Ich kenne zwei Bärbels – Höhn und Schäfer – und wollte mich nie dort einreihen. Glücklicherweise gab es 1969 weder Google noch Bücher, so dass mein Vater mich beim Standesamt als Barbara anmeldete, da er dachte, Bärbel sei die Koseform davon. Dafür bin ich ihm bis heute dankbar.

Nun startete ich also offiziell als Barbara Underberg in die Welt. Das habe ich allerdings erst erfahren als ich in die Schule kam, da mich die ganze Welt bis dahin konsequent bebärbelte. Es hat bis in die Pubertät gedauert, diese grässliche Betitelung loszuwerden und funktionierte nur unter Zuhilfenahme konsequenter Pubertätstechniken. Verweigerung, Taubstellen und Aussitzen.

Irgendwann war ich also eine anerkannte Barbara.

Underberg blieb.

Inzwischen bin ich so alt, dass die Leute in der Regel keine Sprüche mehr machen oder denken, ich heiße absichtlich so. Bis vor einigen Jahren fragten viele noch regelmäßig: „Höhö, Sie kennen bestimmt schon alle Sprüche?“ oder „Underberg? Echt jetzt? Sind Sie mit denen verwandt?“

In meiner Grundschulzeit gab es Fernsehwerbung für Underberg, ein Alpenszenario untermalt mit dem Colonel Bogey March und dem Text „Komm doch mit auf den Underberg“. Wenn die anderen Kinder dieses peinliche Lied anstimmten, brachten sie mich immer sofort zum Schweigen. Ein einziges Mal habe ich getestet, was in diesen winzigen braunen Fläschen steckt, die viele Jahre unberührt im Schnapsschrank meiner Eltern standen. Da war ich zehn und fand es ekelhaft. Bitter eben.

Sehr viel später habe ich Kuemmerling gekauft und mit einem ebenfalls selbstständigen Bohnekamp überlegt, ob es nicht eine schicke Marketingidee wäre zu heiraten.

In der Oberstufe hatte ich Gestaltungstechnik als Leistungskurs. Auch da gab es nicht nur kein Google, sondern auch keine Computer und keinerlei Hilfsmittel außer Lineal und Zirkel. Thema: Typografie. Die Aufgabe: Gestalte den eigenen Namen auf dem Zeichenbrett. Bar-bar-a Un-der-berg, sechs Silben, sechzehn Zeichen. Sechzehn! Wochen hat das gedauert. Eva Hinz. Zwei Silben, sieben Zeichen. Ihre Note war deutlich besser als meine.

Gerade gestern habe ich einen neuen Schriftzug für meine Homepage gebastelt. Die Relation von Länge und Höhe stimmt bis heute nicht. Und egal, wo ich unterschreiben muss, der Platz reicht nicht. Wie gehen eigentlich Irmgard Adam-Schwaetzer und Hannelore Eichelbrenner-Grünewald damit um?

Die Frage nach der Verwandtschaft habe ich lange verneint. Die Rheinberger Underbergs, die den Schnaps herstellen, leben in Schlössern, die Underbergs aus Dorsten und Umgebung eher in Zechensiedlungen. Dann traf ich vor elf Jahren zufällig einen Spross aus der berühmten Familie. Auf einen gelben Zettel malte er mir unseren Stammbaum auf. Jakob Underberg um das Jahr 1630 sei unser gemeinsamer Ursprung.

So fügte ich mich in mein vielbuchstabiges erbloses Schicksal.

Um in den letzten Jahren zunehmend festzustellen, dass dieser Name einen unschlagbaren Vorteil hat: Die Leute können ihn sich merken. Egal, ob ich einen Tisch im Restaurant bestelle oder beim Finanzamt anrufe, ah, ja klar, Frau UNDERBERG, natürlich erinnere ich mich an Sie. Selbst beim Finanzamt hat sowas Vorteile.

In den ersten Lebensjahrzehnten wollen Menschen oft vor allem dazugehören und wünschen sich, möglichst nicht aufzufallen. Da ist man froh, wenn man Klaus Schulz oder Petra Schmidt heißt und keiner doof guckt. Dabei sind oft genau die Dinge besonders an uns, die uns von anderen unterscheiden. Manche sind besonders groß, manche besonders klein, manche sind besonders gut in Mathe, andere in Philosophie, manche spielen toll Fußball, andere Klavier. Manche sind unvergleichliche Künstlerinnen, andere einmalige Pfleger. Manche jonglieren gern mit Bällen, andere mit Buchstaben. Manchmal ist das, worüber die anderen sich früher lustig gemacht haben, einer unserer Schätze, der uns heute zu etwas Besonderem macht.

Ich jedenfalls würde für keinen Heiratsantrag der Welt meinen Namen hergeben.

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