Frauen um die fünfzig: Warten auf den Tod

Michelle Obama

Heute ist Internationaler Frauentag und wie in jedem Jahr gibt es betroffene Reden, aufrüttelnde Resolutionen und rote Nelken. Ich meide derlei feministische Folklore und stelle mich ähnlich mausetot wie an Weiberfastnacht.

Es wird viel Kluges gesprochen und gefordert, was Politik und Gesellschaft alles tun sollten für mehr Gleichstellung. Würde ich an die Macht von Resolutionen glauben, würde ich vieles davon sicherlich auch unterschreiben. Nur damit keine Missverständnisse aufkommen.

Wenn ich, als leibhaftiger Teil dieser Gesellschaft, so durch mein Leben spaziere, begegnen mir oft kuriose Dinge. Es hat sich inzwischen herumgesprochen, dass das, was uns als poren- und pickellose XS-Schönheit in den Zeitschriften dargeboten wird, genauso echt ist wie die Wahlplakate von Beatrix von Storch. Vor einigen Jahren präsentierte die Zeitschrift Brigitte echte Frauen als Models. Hat nicht funktioniert. Offensichtlich geht es nicht um die Abbildung von Realität, sondern eher um ein Kontrastprogramm dazu. So erkläre ich mir auch die Sache mit den Einhörnern.

Es hat sich durchaus schon viel getan. Heute wäre ich zum Beispiel froh, wenn die Bundeskanzlerin nach zwölf Jahren endlich aufhört und in meiner Stadt wird demnächst eine Frau Chefin des lokalen Energieversorgers. Ein geschlossenerer Männerzirkel war noch vor zehn Jahren kaum denkbar. Du bist ein Mann und denkst, Du hättest deswegen irgendwas zu sagen? Du bist eine Frau und denkst, Du könntest deswegen die Familie, die Firma und die Welt verantwortlich machen? Pustekuchen. Alles vorbei.

Nicht ganz alles, stimmt schon. Es gibt sie noch, die Klassiker von Männerbünden und Kaffeekränzchen, die mit ihren Köpfen und Herzen in den fünfziger Jahren stecken geblieben sind. Männer als Macher, die nicht rumquatschen, sondern anpacken, die draußen in der Welt die Probleme lösen, die sie vorher produziert haben. Frauen als Hüterinnen des Heims, zuständig für das Wohlbefinden des Mannes, emotional instabil, das Leben empfangend und erduldend.

Doch die Tendenz geht in die andere Richtung. Mädchen machen heute beispielsweise die besseren Schulabschlüsse und immer mehr Männer nehmen Elternzeit in Anspruch. Frauen stehen heute völlig anders da als vor der Frauenbewegung. Frauen. Das Dasein als solche endet jedoch um die fünfzig. Wechseljahre. Früher war das nicht so dramatisch, da sie ein paar Jahre später starben. Mit meiner Lebenserwartung von hundertfünf würde das bedeuten, dass ich die Hälfte meines Lebens als unsichtbares Neutrum herumschleichen müsste. Aber selbst wenn man von den durchschnittlichen achtzig Jahren ausgeht, sind das immer noch drei Jahrzehnte. Wer sich an die Schulzeit erinnert, weiß wie lang schon zehn Jahre sein können, wenn man sich ständig wünscht, es möge endlich enden.

Gerade gestern las ich einen Artikel, in dem eine Frau von einer Frauenberatungsstelle die hormonellen Veränderungen in den mittleren Jahren katastrophisch ausmalte und schlimme Depressionen ankündigte. Ausschließlich hormonell bedingt, kein Entrinnen möglich. Obwohl ich es besser weiß, hatte ich einen kurzen Anflug von Panik, ob nicht doch wahr sein könnte, was ich früher immer glaubte: Mit den „Wechseljahren“ ist das schöne Leben vorbei. Dann muss ich mir eine praktische Kurzhaarfrisur verpassen lassen, was Weites in beige überziehen und auf den Tod warten. Die Beraterin wurde gefragt, ob es nicht möglich sei, diese Lebensphase auch als Chance zu begreifen. Antwort: Ihr sei noch nie auch nur eine einzige Frau begegnet, die eine Chance darin gesehen hätte.

Pharmaindustrie und viele Ärzte und auch Ärztinnen haben ein natürliches Interesse daran, möglichst viele Lebensphasen zur Krankheit zu erklären. Forschungen zeigen jedoch, dass einzig Hitzewallungen ein nachweisbares Symptom der Hormonumstellung, also der „Wechseljahre“ sind. Und auch davon sind längst nicht alle Frauen betroffen. Ich kann also selbst entscheiden, wie ich damit umgehen möchte.

Es ist nichts weniger als ein Naturgesetz, dass grauschläfige Männer im Alter attraktiver werden und Frauen unsichtbar. Bei aufgequollenen, verlebten fünfzigjährigen Männern reißt es der Porsche auch nicht raus. Und die 69-jährige (!) Greta Silver zeigt, dass Schönheit nichts mit dem Alter zu tun haben muss. Michelle Obama ist 53 und ich würde Haus und Hof verwetten, dass sie eine coole, kluge und wunderschöne Achtzigjährige sein wird.

Vor einigen Jahren sah ich Margarete Mitscherlich, die berühmte Psychoanalytikerin und Ärztin, in einer Talkshow. Da war sie schon deutlich über neunzig. Eine hochgewachsene, elegante Frau mit glasklarem Verstand, die dort jeden locker hätte in die Tasche stecken können. Aber das hatte sie gar nicht nötig. Mir sind heute noch Gänsehaut und Bewunderung in Erinnerung, die ich bei ihrem Anblick hatte. Seitdem weiß ich, dass die Sache mit den Wechseljahren auch nur eine Geschichte ist, die wir uns erzählen.

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