Abwehrreflexe

Ich fotografiere gern. Auch hier habe ich am liebsten wenig Zeug und Zubehör. Riesige schwere Taschen mitschleppen, ständig irgendwas ein- und auspacken, ab- und dranschrauben, auf- und einstellen muss ich nicht haben. Aus Gründen, an die ich mich nicht erinnern kann, habe ich vor Jahren einen Reflektor angeschafft. Das sind diese Scheiben, die irgendwas mit dem Licht machen sollen. Reflektieren zum Beispiel. Ich habe das Ding nie benutzt, aus Gründen, an die ich mich gut erinnern kann. Es hat einen Durchmesser von mehr als einem Meter und da es so in keine Fototasche passt, ist es ein Faltreflektor. Das Auseinanderfalten ist einfach. Ziehe ich das Teil aus der Tasche, springt es mir mit einem satten Flöppp mitten ins Gesicht.
 
Doch wie wird aus der großen Scheibe wieder die kleine, die in die Tasche passt? Ich weiß, dass man sie in sich selbst zu einer Acht verdrehen soll, was das Ganze um zwei Drittel verkleinert. Theoretisch. Praktisch leuchtet mir das schon rein mathematisch nicht ein. Egal, wo ich das Ding anpacke und wie ich es drehe, ich schaffe jede Ziffer – außer der Acht. Immer flöppt es scheinbar kurz vor dem Ziel auseinander und wir sind wieder bei Null. Derjenige, der diese Technik erfunden hat, gehört in den schwärzesten aller Kohlenkeller gesperrt, in den niemals nur der winzigste Lichtstrahl dringt, der reflektiert werden wollen könnte.
 
All dies wissend zog ich die Scheibe heute aus der Tasche um zu prüfen, ob ich mich wirklich von ihr trennen will. Wieder sprang sie mich an, wieder widersetzte sie sich allen Faltversuchen. Diesmal schaffte ich fast das gesamte Alphabet. Nachdem ich immerhin meine Arme zu einer Acht verdreht hatte, fiel mir ein, dass es da ja noch diese andere Erfindung gibt. Das Internet. Da Tutorials dort auch beim korrekten Wasserkochen und Fischfaltenorigami helfen, weiß das Netz vielleicht auch Rat rund um den Faltreflektor. Die ersten Videos, die ich fand, dauerten jeweils nur ein paar Sekunden. Irgendein Nerd hält eine große Scheibe in die Kamera, macht irgendeine Handbewegung und hält dann eine kleine Scheibe in die Kamera. Und WIE GENAU kommt nun das Kaninchen aus dem Hut?
 
Kurz bevor ich mit dem Cuttermesser ein unreflektiertes Massaker anrichtete, fand ich ein weiteres Video. Ein junger Mann mit Karohemd und Käppi demonstriert gaaanz langsam zweimal in zwei Minuten wie’s geht. An dieser Stelle sei nur so viel verraten: Der Haltung des rechten Daumens kommt eine wichtige Rolle zu. Flupp, flupp, flupp, nun kann ich’s auch. Zu spät.
 
Ja, ich will.
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