Hop on, hop off

Gestern war die Stadtrundfahrt dran. Endlich. Mich im Doppeldeckerbus herumfahren lassen und mein seit zehn Wochen neues Zuhause einmal von allen Seiten präsentiert bekommen. Die Tour heißt „Hop on, hop off“, weil man einen ganzen Tag lang an insgesamt acht Haltestellen jederzeit zu- und aussteigen kann. Küstenkonsum statt aktiver Aneignung. So hatte ich es mir jedenfalls vorgestellt und flugs Sonntagmorgen die Karten online gebucht, da sie dort ein paar Euro günstiger sind als an der Haltestelle. Mein NRW-Besuch und ich fuhren also mit dem Panda zur Christian-Albrechts-Uni zwischen den Stadtteilen Ravensberg und Düsternbrook, weil ich die Gegend um den Hauptbahnhof – das wäre die von mir aus nächste Haltestelle gewesen – schon kannte.
 
Das angekündigte Gewitter entpuppte sich einmal mehr als schönstes Sommerwetter mit ein paar Wolken. Wir freuten uns als der knallrote Kli-Kla-Klawitterbus um die Ecke bog und stiegen erwartungsvoll auf den Fahrer zu. Dieser sah uns freundlich an und sprach folgende Worte: „Für heute ist Schluss, ich fahr nur noch bis zum Hauptbahnhof.“ Äh, wie bitte, das kann nicht sein, weil ich hab doch gerade erst die Karten gekauft und da stand nichts von Ausfällen und Sonderfahrten … Außerdem muss der Besuch morgen zurück nach Nordrhein-Westfalen und das geht ja nicht, ohne hier vorher eine Stadtrundfahrt gemacht zu haben. Und im übrigen: Wir haben uns so darauf gefreut, das können Sie unserem Sonntag doch nicht antun?! Was machen wir denn jetzt?!
 
Der Fahrer schaute uns bedauernd an: „Sie haben vorhin erst die Karten gekauft? Und im Internet stand nicht, dass das heute nichts wird? Ja was machen wir denn da?“ Er überlegte kurz. „Ich kann Euch ja hier jetzt nicht so stehenlassen.“ Wir nickten bekräftigend. „Vorschlag: Ihr fahrt mit bis zum Hauptbahnhof, dann machen wir eine kleine Pause und danach holen wir zusammen am Thiessenkai die Gruppe ab. Wenn die alle zusteigen, kommt Ihr runter und fahrt einfach bei deren Tour mit.“ Das klang gut.
 
Wir setzten uns oben im Doppeldecker unterm freien Himmel in die erste Reihe hinter die Panoramascheibe. Bis zum Thiessenkai bekamen wir die komplette Stadtrundfahrt exklusiv, inklusive Moderation. Außer uns und dem Busfahrer war niemand an Bord. Ach doch, die zuvorkommende Mitarbeiterin kam nach einigen Minuten zu uns hoch und fragte, ob sie uns mit einem Getränk für unsere Unannehmlichkeiten entschädigen könnte. Wir wählten das Döschen Sekt, winkten anderen Kiel-Tourist:innen von oben und fühlten uns wie Königinnen in einer Sänfte.
 
Am Thiessenkai wartete schon diese Gruppe, eine Goldene Hochzeits-Gesellschaft. Mit Akkordeon-Spieler und eigenem Guide. Die Gesellschaft strömte überwiegend ins obere Stockwerk. Wir wurden unten platziert. Direkt vor der Getränketasche und der Kühlbox. Hätte nicht der Panda an der Uni auf uns gewartet, wäre das Ganze vermutlich zu einer Party eskaliert. Es folgten abwechselnd kundige Erläuterungen zu den Orten, die wir jeweils durchfuhren, und Seemannsweisen von Hans Albers bis Freddie Quinn. Unterm Strich umrundeten wir Kiel an diesem Tag zweieinhalb Mal und bekamen viele verschiedene Geschichten erzählt. Der Fahrer des Doppeldeckers wohnt in meiner Nachbarschaft, der Guide ist, wie ich, Diplom-Geograph:in. 
 
Am Ende stieg die Goldene Hochzeit am Thiessenkai wieder aus und wir wurden erneut exklusiv zum Panda kutschiert. Hätte ich die Karten nicht online gebucht und wären wir statt zur Uni zum Hauptbahnhof gefahren, hätte all das nicht stattgefunden. Am HBF hing nämlich ein Zettel: „Fällt aus“. Dort standen einige Stadtrundfahrtwillige, aber es durfte niemand mehr zusteigen. Nachdem ich im Laufe der Jahrzehnte schon vieles aus Versehen falsch gemacht habe, ist das Meer offenbar der Ort, um ab und zu Dinge zufällig genau richtig zu machen. Hop on!
 
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