Frank Goosen und der weite Weg ans Meer

Nach 54 Jahren ist Frank Goosen immer noch Bochumer. Teils aus Leidenschaft, teils aus Gewohnheit. Der Autor und Bühnenkünstler, den im Ruhrgebiet jedes Kind kennt und der auch in Köln und Konstanz Fans des gepflegten Humors um sich zu versammeln weiß, hatte am Dienstag einen Termin in Kiel. Lesung aus seinem aktuellen Buch über die Beatles. Als langjährige Bochumerin und Neukielerin packte ich die Gelegenheit beim Schopfe und bat um ein Interview. Eine bessere Brücke zwischen Pott und Küste, einen passenderen Paten für mein neues Baby „Moin Schleswig-Holstein“ konnte es kaum geben. Und er sagte sogar zu. Halb sechs im Hotel Atlantic.

Ich bereitete mich inhaltlich, technisch und optisch so weit vor, dass ich gegen halb fünf starten konnte, um diesem Ereignis angemessen würdevoll entgegenzutreten und selbst dann noch pünktlich zu sein, wenn ich unterwegs in einen Unfall verwickelt würde. Um viertel nach vier klingelte mein Handy. „Frank Goosen, guten Tach. Ich steh hier auf der A7 in einem ganz komischen Stau. Apple Maps sacht, ich bin frühestens um sechs im Hotel. Lass uns um halb sieben direkt im Kulturforum treffen.“

Also hörte ich erstmal weiter Goosens „Radio Heimat. Geschichten von zuhause“, um mich als Ehemalige noch tiefer auf die bevorstehende Begegnung einlassen zu können. Frank Goosen ist übrigens der Urheber des geflügelten Wortes „Woanders is auch scheiße“. Nichts bringt den trotzigen Ruhrgebietsstolz von gut fünf Millionen Betroffenen besser auffn Punkt.

Entschleunigung auf norddeutsch

Um fünf klingelte es erneut. „Hömma, ich steh immer noch irgendwo bei Kaltenkirchen. Keine Ahnung, was das hier ist.“ Kaltenkirchen liegt etwa sechzig Kilometer südlich von Kiel. Apple Maps teilte Frank Goosen mit, dass es bis zum Ziel noch etwa zweieinhalb Stunden dauern sollte. Wir verblieben ratlos und er sagte Veranstalter und Hotel Bescheid, dass er wirklich auf dem Weg sei und sein Zimmer bitte nicht anderweitig vermietet werden sollte.

Eine halbe Stunde später rief er nochmal an. Inzwischen kannte Google sein Problem. Unfallbedingte Vollsperrung zwischen Kaltenkirchen und Bad Bramstedt. Voraussichtliche Ankunftszeit neunzehnuhrachtundfuffzich. „Weisse wat, lass uns dat Interview doch einfach jetzt machen, dann muss ich mich hier nicht die ganze Zeit aufregen und du kriegst auch, watte willst,“ schlug Frank vor. Jau.

Tresenlesen

Da Corona ihm, der unter anderen Umständen immer mit dem Zug zu Auftritten fährt, diesen Stau beschert hatte, bot es sich als derzeit originellst mögliche Einstiegsfrage an. „In unserer Branche verändert sich gerade ganz viel. In den letzten Wochen habe ich viele Open-Air-Veranstaltungen gemacht. Wir müssen einfach ausprobieren, was im Moment möglich ist.“ Im Ruhrgebiet gibt es Leute, die sagen, Corona habe seinen Zweck bereits erfüllt, da es nach zwanzig Jahren endlich wieder „Tresenlesen“ gibt. „Tresenlesen“ war Kult. Frank Goosen und Jochen Malmsheimer saßen in den Neunzigern in einer berstend vollen verrauchten Bochumer Kneipe am Tresen und lasen.

Roadtrip in Zeitlupe

„Obwohl wir beide in Bochum wohnen, haben wir uns die ganzen Jahre nicht gesehen. Nun wieder gemeinsam was zu machen, war schon sehr bewegend.“ Zwei Lesungen ohne Publikum wurden in den letzten Monaten aufgezeichnet und sind bei Youtube zu sehen. Weiteres liegt noch in der Schublade und wird demnächst gesendet. „Live auf der Bühne werden wir erst nach Corona was machen. Das ist für uns und fürs Publikum so emotional, das geht nicht mit Abstand.“ Wenn es soweit ist, werde ich dafür von Kiel nach Bochum pilgern.

Apropos. „Für die letzten fünf Kilometer hab ich anderthalb Stunden gebraucht.“ Frank seufzte.

Im Moment war es am klügsten, den Blick von der Autobahn wieder zurück ins Bochum der neunziger Jahre zu wenden. Wir haben an derselben Uni studiert, deren Sechziger-Jahre-Plattenbau-Charme zu dieser Zeit schon deutliche Risse zeigte. Gleichwohl lässt sich die Ruhr-Uni Bochum, die RUB, durchaus als optische Achse zwischen Pott und Küste überinterpretieren. Die zahlreichen riesigen Gebäuderiegel sollen Dampfschiffe darstellen und umringen das muschelförmige Audimax. Soweit ich mich erinnere, hat mal jemand einen Architekturpreis dafür gewonnen. Historiker Frank findet die Uni eigentlich ganz schön, „nur dass sie ausgerechnet die geisteswissenschaftlichen Gebäude irgendwann schwarz-gelb angestrichen haben, ging gar nicht.“

Dschingis Khan und das Katzenskelett

„Weisse noch, wer damals AStA-Vorsitzende war?“
„Ja klaa, Svenja Schulze.“
Unsere heutige Bundesumweltministerin.

Ein kleiner Exkurs in unsere verschieden akzentuierten radikalpolitischen Vergangenheiten förderte weitere gemeinsame Erinnerungen und Bekannte zu Tage. Ja, auch an die Vorlesungsreihe zu Leo Koflers Achtzigstem konnte ich mich erinnern. „Sein Vortrag ‚Die asiatische Despotie von Dschingis Khan bis Stalin‘ gehört zum Großartigsten, was ich je gehört habe“, schwärmte Frank.

Unser Gespräch nahm eine unerwartet intellektuelle Wendung. Um nicht mehr Leserinnen und Leser als nötig zu verschrecken, erzählte er noch von der nächtlichen Besetzung eines Uni-Gebäudes durch etwa fünfzig Studierende. „Da lag ein Katzenskelett von einer Schwarzen Messe.“ Da es die Neunziger waren, gibt es davon kein Instagram-Foto. Sein nächstes Buch wird übrigens „Sweet Dreams“ heißen und eine bunte Reminiszenz an die Achtziger Jahre im Ruhrgebiet. Doch, Farbfotografie war da bereits erfunden.

Tatütata. Zivilwagen mit Blaulicht rasten durch die Rettungsgasse. Inzwischen war es kurz vor sieben und Frank näherte sich der eigentlichen Sperrung, vor der es runter von der A7 rechts nach Kaltenkirchen und links nach Bad Bramstedt ging. Da er erneut die falsche Wahl traf, kamen weitere fünf Minuten obendrauf. Die Lesung begann mit nur einer halben Stunde Verspätung, weil er nahezu alle persönlichen Bedürfnisse nach hinten schob und direkt vom Parkhaus auf die Bühne eilte. Das Publikum lauschte der Staugeschichte verständnisvoll. Die A7 ist doof, das weiß man hier im Norden. „In 28 Jahren bin ich dreimal zu Auftritten zu spät gekommen, zweimal davon in Kiel. Warum haben Sie diese Stadt auch ans Ende des Landes gebaut?“

Beatlemania

Nach sieben Stunden überwiegend auf der A7 war nun endlich Zeit für die Beatles. Da in den letzten Jahren nicht viel Neues rund um diese britische Band passiert ist, sei es kein investigatives Buch, sondern seine ganz persönliche Fan-Geschichte. Frank Goosen las, erzählte und beantwortete Fragen. Mehr als einmal staunte ich über sein reichhaltiges Detailwissen. Mitte Januar 1981 erschien das letzte Interview mit John Lennon, seinem Lieblingsbeatle. Im Playboy. Der kleine Frank stellte seine Stimme eine Oktave tiefer und ergatterte am Kiosk für sieben Mark sein eigenes Exemplar. „Und ich weiß sogar noch, wie das Playmate des Monats hieß. Bascha Flommersfeld.“ Dies hier ist auch kein investigativer Text, aber die Fakten sollten schon stimmen. Tun sie. Barbara Flommersfeld kam 1953 in Warschau zur Welt und Bascha ist die slawische Koseform des Vornamens. Erster Satz auf der Internetseite von Playboy Premium: „Noch ist Polen nicht verloren.“ War ne andere Zeit damals.

Franks Reise nach Liverpool und die anderen Geschichten lies einfach selbst nach. Macht Spaß.

Als alles vorbei war gab’s endlich ein wohlverdientes Bier im „Blauen Engel“. Wohlgemerkt im Kieler „Blauen Engel“. Kneipenkundigen Bochumer:innen wird eine weitere elegante Brücke zwischen Pott und Küste auffallen, da es in Franks Heimatstadt eine Gaststätte gleichen Namens gibt. Und ja, das auf dem Foto oben rechts ist der Fuß von Marlene Dietrich.

Eine Freundin von Frank war nämlich ebenfalls zur Lesung gekommen und hinterher gibt’s immer, wenn er hier an der Küste ist, ein gemeinsames Feierabendbier. Die Kielerin, die ursprünglich aus Hagen ein paar Kilometer südlich von Dortmund kommt, ist St. Pauli-Fan. Frank war 2008 in New York und suchte nach einer geeigneten Fußballkneipe für ein VfL Bochum-Spiel. Testhalber schaute er sich daher im „Village“ die Liveübertragung eines Spiels des FC St. Pauli gegen den HSV an. Der gesamte New Yorker St. Pauli-Fanclub „East River Pirates“ war ebenfalls vor Ort. Ein Jahr später las er in Kiel aus seinem Fußballbuch, erzählte diese Geschichte und es stellte sich heraus, dass die heutige Kielerin damals schon St. Pauli-Fan war und demselben Spiel in derselben Kneipe beigewohnt hatte. Die Welt ist ein Dorf.

Oft ist das Ziel gar nicht so weit wech, bloß manchmal zieht es sich. Wenn man einmal da is, geht’s.

Titelfoto: Ira Schwindt

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