Paul & ich

Schild Ignoranz

Gewissensbisse

Wir haben uns immer gut verstanden. Paul hat seinen eigenen Kopf und mag längst nicht jeden. Insofern freue ich mich immer besonders, wenn er guter Stimmung ist und wir eine schöne Zeit zusammen haben. Vorgestern war unser monatlicher Frühschoppen in der Kaue eines Wohnprojekts und gegen Mittag füllte sich der Raum zusehends. Als Paul kam war ich bereits satt, hatte einige Tassen Kaffee getrunken und wollte ihn freudig begrüßen. Ich spürte gleich, dass etwas anders war als sonst. Er schien nicht besonders gut drauf zu sein. Vielleicht zu viel Trubel, vielleicht hatte er schlecht geschlafen. Jedenfalls freute er sich nicht erkennbar mich wiederzusehen, sondern stand herum und beobachtete ein wenig missmutig den Raum und die Leute.

Ich fühlte mich dadurch herausgefordert seine Stimmung zu heben. So ging ich auf ihn zu, herzte ihn wie sonst auch und schaute ihn erwartungsvoll an. Keine Begeisterung. Och Paul, komm schon. Nichts. Er wandte sich ab. Ich wollte nicht lockerlassen und kam näher. Sonst funktioniert es doch auch immer. Und näher. Dann biss er zu. Mitten in mein Gesicht. Er riss den Kopf herum, das Maul ganz weit auf und mit einem Happs hatte ich zwei Löcher im Gesicht. Eins rechts oben über der Augenbraue und eins links unten mitten auf der Wange. Es ging so schnell, dass ich noch nicht einmal dazu kam mich zu erschrecken. Für den Bruchteil einer Sekunde sah es ein bisschen aus wie beim weißen Hai, kurz bevor er zuschnappt. Mächtige Zähne, ein dunkler Schlund und kein Entrinnen. Nähe ist eine Frage des eigenen Standpunkts.

Autsch. Dann tropfte es. Blut. Wohl meins. Ein wenig Tumult. Für die nächsten Minuten hatte ich mir die Aufmerksamkeit aller Anwesenden gesichert. Paul, ein mittelgroßer Beaglemischling, wurde ins Auto verfrachtet, ich erstdesinfiziert. Jemand holte einen Arzt, der auf dem Gelände wohnt und Haut hat als hätte er gestern Abitur gemacht. Alter ist auch eine Frage des eigenen Standpunkts. Da nichts weh tat und es bereits aufgehört hatte zu bluten, wollte ich gern einen Kaffee und den Frühschoppen entspannt ausklingen lassen. Der Arzt säuberte und desinfizierte mich erneut und erklärte geduldig, dass es eine gute Idee wäre, ins Krankenhaus zu fahren. Ja, jetzt. Nein, nicht morgen zum Hausarzt und auch nicht gar nicht. Sonntag in der Notaufnahme. Mit den ganzen hypochondrischen Wartezimmerbelagerern. Danke, Paul.

Da er mir nicht in den Hintern, sondern ins Gesicht gebissen hatte, war die Plastische Chirurgie zuständig. Just einen Tag zuvor hatte ich die Facebook-Freundschaftsanfrage eines Dortmunder Schönheitschirurgen abgelehnt, da er, so vermutete ich, mir wohl eher oberflächliche Straffungen und Begradigungen als tiefgehende Kommunikation anbieten wollen würde. Und prompt saß ich als Notfall vorm Schönheitschirurgen. Ablehnung muss man sich leisten können. Hätte es sich um ein und dieselbe Person gehandelt und wäre dieser Schönheitschirurg ein leicht kränkbarer Psychopath, hätte ich mir nun um mein Gesicht ernsthafte Sorgen machen können. Aber so sagte er nur: „Da haben Sie Glück gehabt, dass er nicht die Nase erwischt hat. Nasenspitzen können wir nämlich nicht wieder annähen.“ Er klebte die beiden Risse mit jeweils zwei von diesen schmalen Pflasterstrips zusammen, mit denen auch kleinere Verletzungen von Boxern behandelt werden. Nicht anfassen und dranlassen bis sie von alleine abfallen. Nein, nicht waschen. Nein, Antibiotika sind nicht übertrieben. „Wenn sich Bakterien in einer Wunde am Arm vermehren, können wir das großflächig ausschneiden. Im Gesicht ist das nicht so schön.“

Frisch gebissene AutorinEin paar Minuten vor meinem Annäherungsversuch hatte Paul auch durch kurzes Knurren erklärt, dass er heute keinen Bock hat. Abenteuer Kommunikation. Obwohl es mein Fehler war, war seinem Frauchen die Sache höchst unangenehm und sie beteuerte, dass auch er sich deswegen schlecht fühle. Paul ist der mit den Gewissensbissen und ich bin die mit dem Gebissenenwissen: Von Ignoranz gegenüber Hunden und Schönheitschirurgen ist abzuraten.

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