Schwanenschicksale, Matjesbrötchen und der Sinn des Lebens

Hundestrand in Heidkate an der Ostsee

Fünf Pandastunden von Dortmund entfernt versteckt sich das Paradies, die Region Probstei an der Kieler Förde. Mitten im Sommer leere Sandstrände, handgemalte Wolken, viel Gegend und viel Meer. Bitte nicht weitersagen. 🙂

Sonntag

Perfect Day in the pittoresk Probstei. Hunde- und Camperparadies, eine Handvoll Leute, alle mit gutgelaunten Hunden und sonst nix außer immer Meer, weißer Sandstrand und Himmel. Giselas zauberhafte Maggie ist eine Kontaktbörse auf vier flinken Pfoten und hat uns heute u.a. den vor einer Woche erst aus einer rumänischen Tötungsstation entkommenen Rick und seine neuen Eltern beschert. Rick hat riesige Ohren und wenn der Wind von vorne weht sieht er aus wie Dumbo und als würde er gleich abheben.

Strandkörbe am Schöneberger Strand
Hund am Schönberger Strand
Zwei spielende Hunde am Hundestrand in Heidkate
Kleiner Hund mit großen Ohren am Hundestrand in Heidkate

Montag

Dampfer gehören hier zum ÖPNV. Der Kiosk direkt am Wasser ist gleichzeitig der Fahrkartenschalter für die Dampferfahrten. Auf der anderen Seite der Scheibe steht eine Frau Mitte fünfzig, mit kurzem Blondschopf und guter Laune. Wir plaudern ein wenig über Wetter und Meer. „Ich hab hier den ßönsten Job der Welt. Büschn viel Wind manchmal, aber es gibt ja überall ein Für und Wider.“ Am Ende weiht sie mich in das Geheimnis ein, wie sich der norddeutsche Nahverkehr am besten für touristische Interessen zweckentfremden lässt. Sie hält mir den Fahrplan hin und tippt mit dem Finger auf die Dampfer-Haltestellen: „Sie stempeln einmal ab, ganz am Anfang, und dann bleiben Sie sitzen. Sie bleiben hier sitzen, Sie bleiben hier sitzen, Sie bleiben hier sitzen und Sie bleiben hier sitzen. Und da steigen Sie am Ende wieder aus. In der Regel kontrolliert das keiner.“ Einmal Kieler Förde für drei Euro sechzig. 

Segelboot "Carpe Diem" in Heikendorf
Segelhafen in der Kieler Förde
Leuchtturm auf Dampferfahrt in der Kielder Förde
Segelhafen in Heikendorf
Denkmal mit Möwe in Heikendorf

Dienstag

Die Suche hat ein Ende. Der Sinn des Lebens wurde vorhin gefunden. Er lautet: Mit einem Fischbrötchen am Meer sitzen, Löcher in die Luft gucken und den Wellen lauschen.

Im vierten Anlauf sollte es endlich gelingen, bei Möller eins der begehrten Brötchen zu ergattern, bisher war immer geschlossen. Die ältere Dame hinter der Theke hatte einen praktischen grauen Kurzhaarschnitt und in etwa das zurückhaltende Temperament, das Norddeutschen oft zugeschrieben wird. Ich erzählte ihr ungefragt, dass dies hier das Ende meiner Laufrunde sei, ich großen Hunger hätte und hoffte, dass sie noch ein Matjesbrötchen für mich hat.
Sie zog die linke Augenbraue hoch: „Bei deem Wedda geht man laufen?“
„Ist doch nur Wasser. Außerdem scheint ja jetzt wieder die Sonne.“
„Jetz ja.“
„Haben Sie noch mehr Brötchen? Ich stand schon dreimal vor verschlossener Tür bei ihnen.“
„Wenn zu ßpeet, dann zu ßpeet.“
Sie drückte mir das Matjesbrötchen mit Zwiebeln in die Hand. Ich setzte mich damit an den Strand, siehe oben, und ging für ein zweites Brötchen erneut zu Möller. Als sie die Tür hörte, kam sie aus der Küche und sagte mit regungsloser Miene: „Das ging ja ßnell.“

Strand in Heikendorf
Plöner See in der Abendsonne

Mittwoch

Da meine Vermieterin mich heute Abend zu Lapskaus mit Spiegelei und Rollmops eingeladen hatte und es im Anschluss noch Kümmelschnaps gab, fällt die heutige Geschichte kurz aus.
Holsteinische Schweiz. Der Plöner See ist der zehntgrößte See Deutschlands und mit knapp dreißig Quadratkilometern bedeckt er ein Zehntel der Fläche Dortmunds. Seerundfahrt.

Das Schiff fährt an einer Kolonie weißer Flecken vorbei. Offenbar Vögel. Jemand sagt: Alles Schwäne. Da meine Augen bei Details in Nähe und Ferne nicht ganz zuverlässig sind, frage ich ein Crewmitglied, ob das tatsächlich alles Schwäne seien.
Der freundliche kurzbehoste Mittfünfziger, der ein dunkelblaues Poloshirt mit der Aufschrift „Große Plöner Rundfahrt“ trägt, weiß Interessantes zu berichten: „Ja, das sind ßwäne. Aber nur Männchen.“
„Oh. Warum denn das?“
„Die treffen sich da, weil sie von den ßwanenpärchen überall vertrieben werden.“
„Oh. Warum denn das?“
„Damit sie sie nicht beim Paaren und Brüten ßtören.“
„Warum haben die denn keine abgekriegt? Gibt es keine übriggebliebenen Schwäninnen?“
„Das weiß ich auch nich.“
„Ah, dann ist das so eine Art schwimmende Schwanensinglebörse.“
„Naja, nur ohne Frauen.“

Gemeinschaftliches Rätselraten mit anderen Passagieren, ob ein solches Überangebot potenter einsamer Schwäne für die einzelne Schwänin eher Fluch oder Segen ist.
Die Vorstellung zu und alle Fragen offen.

Viele männliche Schwäne auf dem Plöner See
Schwanenfamilie im Plöner See
Schloss am Plöner See
Schaukel am Plöner See auf der Prinzeninsel

Donnerstag

Dunkle Wolken und Regen, Regen, Regen, Stunde um Stunde. Am späten Nachmittag klart es endlich auf. Also wenigstens einmal gucken, was das Meer macht. Kaum bin ich vor der Tür, kriege ich noch fünf Tropfen ab und dann hat der Himmel sich beruhigt. Fast ein wenig enttäuscht, weil ich einen Spaziergang im Sommerregen an der Förde ganz romantisch gefunden hätte, stapfe ich den Weg hinunter Richtung Wasser. Dann direkt am Ufer entlang Richtung Mönkeberg, eine sehr hübsche Strecke. Unterwegs sehe ich vier Schwäne, vermutlich wieder einsame Männer, die synchron nebeneinander auf den sanften Wellen schaukeln.

Ein Stück weiter steht mitten in den Salzwiesen ein quadratischer weißer Villenklotz mit riesigen Fensterfronten. Ähnlich scheußlich wie am Dortmunder Phoenix See, nur größer, weil sie hier mehr Platz haben. Doch auch im Norden kann Geld Geschmack nicht ersetzen. Daneben ist ein großes Werbeschild in den Boden gerammt, das ein ähnliches Villenungetüm zeigt: Gebaut und vermarktet von „Schöner Wohnen Exclusiv“ (sic!). Wie Zuhause stehen Altes und Neues manchmal unversöhnlich nebeneinander. Rechts neben der Villa lugt hinter einer hohen Hecke ein altes rotes Holzhaus hervor. Mit einem handbemalten Steinmännchen vor dem Eingang und einem unmissverständlichen Schild „Privatgrundstück“. So sieht ein richtiges Haus am See aus, urteilt mein fachkundiges Hirn, und nicht sonn ßnieken Schietkram.

Auf dem Rückweg haben die vier Schwäne sich nicht vom Fleck bewegt und schaukeln immer noch im gleichen Abstand voneinander synchron auf und ab. Langweiliges ßwanensingleleben. Ich setze mich auf die Bank einige Meter von ihnen entfernt und mache ein Panoramafoto. Der ganze Himmel ist schwarz, die Luft fast trocken. Am Horizont ein schmaler heller Lichtstreifen. Noch ein Panoramafoto. Ich stutze. Innerhalb von zwei, drei Minuten hat sich die dunkle Wolke verzogen und der Himmel ist bewölkt, aber weiß. Dann kann die Sonne ja nicht weit sein.

In der Sekunde als ich dies denke, öffnet das Himmelstor seine Schleusen und kippt mir alles zur Verfügung stehende Wasser über den Kopf. Der Regen kommt waagerecht in einem mächtigen Schwall von Backbord. Innerhalb von nicht einmal einer Minute stehe ich bis zu den Socken in körperfremder Flüssigkeit. So war das mit dem romantischen Sommerregen nicht gemeint! Unterstellen bringt nun auch nichts mehr. Also in aller Ruhe bergauf Richtung Unterkunft, vorbei am hiesigen Lebensmittelladen. An der Kasse bildet sich unter mir eine Pfütze. Die Kassiererin, bis zu diesem Moment in ein Gespräch mit ihrer Kollegin über den nahenden Feierabend vertieft, schaut mich an und fragt bar jeder Ironie: „Regnet das?“

Vier einsame Schwäne in der Kieler Förde
Haus am See in Heikendorf
Steg mit Tor am Heikendorfer Strand
Tibetterrier in Heikendorf

Samstag

Der letzte Tag. Die Schwanenmänner-WG schaukelte an derselben Stelle wie gestern auf den Wellen. Sie waren heute zu fünft. Vielleicht haben sie über Nacht eine weitere einsame Seele aufgenommen oder der Fünfte hatte gestern ein ergebnisloses Date. Erst nach und nach erschließen sich mir die Schwanenschicksale.

Eine Frage begleitet mich seit Tagen. Hier fahren viele Kreuzfahrtschiffe vorbei, da in Kiel die Passagiere eingesammelt werden. Schwimmende Hochhäuser, bei denen ich schon optisch denke: Wenn ich sowas will, kann ich auch in der Berliner Gropiusstadt meine Ferien verbringen. Fast noch schlimmer erscheint mir der Lärm, den diese Ungetüme machen. Auf mehrere hundert Meter Entfernung sind sie noch so laut, dass sie alles andere locker stören oder sogar übertönen. Diesen Krach wird man an Bord dann ja wohl auch hören. Habe einen einheimischen Dackelbesitzer unterwegs gefragt, ob er wüsste, ob das auf hoher See irgendwie anders funktioniert, weil es ja schließlich kein Segel oder keinen Elektromotor oder so gäbe. Er sagte was von Westwind und dass er sich diese Frage bisher noch nie gestellt hätte.

Kurz: Wenn Ihr was Hässliches, Volles und Lautes wollt, macht einfach Urlaub auf der A40. Das ist auf jeden Fall günstiger und zwischen zwanzig Uhr abends und sechs Uhr morgens sogar halbwegs Ruhe.

Die letzte Nacht. Habe gerade geschaut, wie hier die Mietpreise sind. Nicht viel anders als in Dortmund. Und ein Matjesbrötchen direkt am Strand kostet zweifuffzich. Gisela ist vor drei Jahren von Bochum nach Mönkeberg gezogen. Wir sind hier nicht auf Sylt, sondern im normalen Leben. Nena sagte mal: „Es gibt nichts, was man nicht machen kann.“ Mhm.

Fünf einsame Schwäne in der Kieler Förde
Kreuzfahrtschiff in der Kieler Förde
Naturschutzgebiet Schmoel an der Ostsee
Feld mit Strohballen in Heikendorf
Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am Blog. Setzte ein Lesezeichen permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.