Segeln ohne alles

Katamaran am Ostseestrand

Nachdem mein Augustausflug an die Ostsee sehr wunderbar war, zog es mich am letzten Wochenende direkt wieder dorthin. Schnuppersegeln. Einfach mal ausprobieren, ob die rohen Kräfte des offenen Meeres was für mich sind. Nachdem ich im August nahezu den gesamten Inhalt von Kleider-, Kühl- und Badezimmerschrank im Panda gen Norden transportiert hatte, beschränkte ich mich diesmal aufs Wesentliche. Die freundliche Segelschulenchefin hatte am Telefon schließlich gesagt, ich bräuchte nichts mitzubringen, nein, gar nichts, es sei alles da.

Das Erste, das nicht da war, als ich Sonntagmorgen am Strand ankam, war: Wind. Die Septembersonne am nahezu wolkenlosen Himmel gab sich die größte Mühe, meine Segelpremiere zu boykottieren. Das Zweite, das nicht da war: andere Leute. Vor den Holzhütten der Segelschule, in denen das ganze Zubehör aufbewahrt wird, standen zwei Mittzwanziger. Die Segellehrer. Frisch der RTL2-Castingshow „Unsere schönsten Surferboys“ entschlüpft. Mein Hirn malte sich schon aus wie es wäre – ich allein mit diesen beiden auf der Yacht. Der eine steuert, mit dem anderen stehe ich titanicgleich vorne, am: Bug!, und im Hintergrund singt Céline Dion.

Das Dritte, das nicht da war: eine Yacht. Kein Schiff, kein Boot. Auf meine Frage, wo denn das Segelboot sei, antwortete Jonas, der noch Hübschere von den beiden: „Segeln lernt man am besten im unmittelbaren Kontakt mit dem Wasser“ und zeigte auf etwas. Zwei Kufen, verbunden durch eine Art Trampolin, mit einer in den Himmel ragenden Stange am einen Ende. Mast! Ein Katamaran. Inzwischen waren doch noch einige Leute eingetrudelt. Manche wollten Schnuppersurfen und zogen mit ihrem Surferboy zunächst für Trockenübungen auf die Wiese, Jonas blieb bei zwei Studentinnen und mir. Da die Luft sich ein paar Millimeter bewegt hatte, konnte es losgehen.

Er lief in eine der Hütten. „Dann suchen wir euch mal einen passenden Neo aus.“ Wie jetzt, ich soll mich umziehen? „Man kann immer mal ins Wasser fallen, da ist es besser, du hast das Richtige an.“ Er drückte den beiden Studentinnen zwei kleine schwarze Gummischläuche in die Hand und taxierte dann mich. „Was Größeres“, schlug ich vor. Er hielt mir ein langes, breites schwarzes Ding hin. Ich kann mich nicht erinnern, dass Kate Winslet ein Ganzkörperkondom trug. „Einen Badeanzug hast du dabei?“ Ich rannte über die Wiese zum Auto, kippte hektisch den Inhalt aller Taschen in den Panda. Sie hatte doch gesagt: gar nichts!

„Du musst ihn zuerst auf rechts ziehen. Der Reißverschluss gehört nach hinten“, erklärte Jonas. Da er und die Studentinnen ihre zweiten Häute bereits übergestreift hatten, versuchte ich mich zu beeilen. Der Neoprenanzug war nicht nur lang und breit, sondern auch feucht. Ich zog Arme und Beine durch den weit offenen Rücken bis aus dem Schlauch ein Knubbel geworden war. Nochmal von vorne. Das Ding dann auch noch über den Hintern zu kriegen glich dem Versuch, mich in eine sehr dicke, sehr nasse und viel zu kleine Leggins zu quetschen. Als ich fast fertig war und an mir herunterschaute, klaffte der Reißverschluss: vorne. Er gehörte aber: ans Heck. Gerade als ich mich über meinen frisch gepressten Segelkörper freuen wollte, drückte mir Jonas eine neonorange Schwimmweste in die Hand, die der wohlformenden Lacklederlatexillusion übergestülpt wurde und mich zum Michelinmännchen aufpumpte.

Wir stapften in unseren Segelschuhen zum vorgesehenen Wasserfahrzeug, das noch längst nicht startklar war. Segel auswickeln, irgendwelche Seile – Leinen! – hier lösen und drüben einhängen, ein Achterknoten da, ein anderer Knoten dort. Segel hochziehen – hissen? setzen? – bis es am oberen Ende des Masts einrastet. Dann bugsierten wir den Katamaran endlich ins Wasser und ich wuchtete mich hinauf, um mich hinten links – Backbord! – in einer Art Schneidersitz niederzulassen. Jonas drückte mir eine Stange in die Hand: die Pinne. Er zeigte auf ein Kreuzfahrtschiff am Horizont: „Steuere mal in diese Richtung.“

Der Wind hauchte sacht ins Segel und wir bewegten uns im Zeitlupenzickzack auf den Dampfer zu. Gottseidank hatte ich meinen Führerschein schon vor dreißig Jahren gemacht. Ich zog und schob die Pinne und konnte mir bis zum Schluss nicht merken, wann wir nach links und wann nach rechts schwenkten. Luv! Lee! Stets bewegten sich die Ruderblätter kontraintuitiv. Jonas sagte mehrfach: „Die Fock is back“ – Das Vorsegel steht auf der dem Wind abgewandten Seite. Das schien kein gutes Zeichen zu sein. Also wieder andersrum.

So schaukelten wir bei Windstärke eins sanft auf dem Wasser und Jonas hielt Ausschau nach Schweinswalen, die aussehen wie dicke Delphine mit runden Nasen. Das Vierte: keine da. Nur eine Feuerqualle auf der mir abgewandten Seite. Irgendwie hatte ich mir Segeln anders vorgestellt. Jonas erzählte wie es wäre, wenn Wind wehen würde. Dann würden wir unsere Füße unter die Schlaufen dort stecken und uns hier einhaken. Zwei würden sich dann da festhalten und stehend ganz weit nach hinten lehnen, um das Segel zu bedienen. Dann wäre echt was los. „Ab Windstärke fünf macht Surfen allerdings mehr Spaß.“

Zöge und schöbe ich bei Windstärke vier die Pinne hin und her, würden wir vermutlich wegfliegen. Oder kentern. Da der Hundebiss vom letzten Sonntag noch nicht verheilt war und die Pflaster im Gesicht weiter juckten, hatte der Arzt gesagt: Segeln ja, ins Wasser nein. Er hatte dabei wohl auch eher die Titanic vor Augen. Wobei die Bisswunden beim finalen Untergang nicht weiter ins Gewicht fallen würden.

Ob mir bei Wind und Wellen übel wird, weiß ich immer noch nicht. Was ich weiß: Wenn die Fock back steht, isses schlecht.

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