Wer quasselt da eigentlich in meinem Kopf?

Neuronen

Gedanken sind vermutlich das, was uns Menschen von anderen Lebewesen unterscheidet. Glaubt man der aktuellen Forschung rattern pro Tag etwa 60.000 Gedanken durch meinen Kopf. Das hört sich nach wirklich viel Denkarbeit an. Umgerechnet sind das allerdings nur 0,7 Gedanken pro Sekunde oder ungefähr zwei Gedanken in drei Sekunden. So wird es gleich überschaubarer. Mitgezählt werden natürlich nicht nur die nützlichen, sinnvollen oder gar klugen Gedanken, sondern auch „wenn dieser Idiot nicht sofort rechts rüber fährt, werde ich ihn töten“ und „auf das Stück Torte kommt es jetzt auch nicht mehr an“.

Seit ich denken kann, dachte ich, dass durch dieses ständige Gequassel zwischen meinen Ohren mein Binnen-Ich spricht. Mein Hirn als Kommentarfließband, das alles zerredet und zerkleinert, was der Rest von mir gerade erlebt. Eine chronische Zerrung. Wenn ich genauer hinhöre, sind da sogar mehrere Binnen-Ichs am Werke. Schon wieder vom Pferd in die Pfütze gefallen. Musst du dich immer so dämlich anstellen? Vielleicht war es das falsche Pferd, auf das ich mich gesetzt habe? Pferde sind blöde Tiere. Tiere sind überhaupt blöd. Die lachen schon wieder so komisch, die neue Dauerwelle steht mir vielleicht doch nicht. Du kannst machen, was du willst, sie mögen dich nun einmal nicht. Du bist so uncool. Es hat für mein Leben exakt null hoch zwei Bedeutung, was es mit der Quadratsekunde in dieser Formel auf sich hat. Wenn du schon Physik nicht kapierst, wirst du es nie zu irgendwas bringen. Mir doch egal.

Keine Schulhofschönheit

Keine Karriere als Nobelpreisträgerin und keine als Schulhofschönheit. Wer die Pubertät überlebt, hat zumindest einen Überblick, welche Grausamkeiten das Leben im Angebot hat. Nicht für alles hält unsere Sprache angemessene Worte bereit. So gibt es keinen Plural von Liebeskummer. Manchmal monatelang kreisten meine Gedanken um derlei Kümmernisse und die tiefen Krisen, die sich heutzutage hinter dem Facebook-Status „Es ist kompliziert“ verbergen. Als Opfer eines Systems, das die Verlierer und Verlorenen verstößt, muss man sich was einfallen lassen. Ich habe mir eine halbwegs blickdichte Tarnkappe übergezogen und so getan, als würde ich dazugehören. Irgendwozu.

Erst Jahrzehnte später dämmerte mir, dass viele andere es ähnlich gemacht haben müssen. Danny hatte zwar reiche Eltern, war aber zu dick um cool zu sein. Die aufgebrezelte Britta war ein bisschen einfältig und der vorlaute Frank hatte einen Vater, der sehr wütend werden konnte. Der brave Bernd wurde von seinen Eltern bis in die Jugendfreizeit verfolgt. Dirk war zu dicker Brille und Zahnklammer verurteilt und Verenas Mutter zum dritten Mal verheiratet. Wir hatten alle genug Gründe, uns zu schämen. Anfang, Mitte der achtziger Jahre waren die Ausschlusskriterien einfach: Bist du dick, doof, arm, hässlich oder unsportlich, bist du draußen. Queer und Patchwork gab es sowieso nicht. Ich habe damals fast alle Kriterien erfüllt und hatte keinerlei Aussicht auf einen der vorderen Plätze in der Gesellschaft.

Wer ist die hier größte Null?

Selbst die, die von den Mauerblümchen beneidet wurden, sorgten sich um ihre Rollen. Von sich selbst dachten vermutlich die wenigsten, dass sie wirklich dazugehören. Wen nicht die Mitschüler in Angst und Schrecken versetzten, bei dem verrichteten die Lehrer ihr vernichtendes Werk. Damit nur ja niemand von sich dächte, er hätte auch ohne Leistung, Disziplin und Stillsitzen eine Existenzberechtigung. Ungefähr mit zwölf klöppelte ich aus diesem Dasein einen kleinen Aphorismus: „Ich habe den Auftrag zu leben und die Pflicht, ihn zu erfüllen.“

Nun ist die Pubertät eine Weile her und man sollte meinen, erwachsene Menschen hätten verstanden wie es läuft. Doch die Endlosschleife aus Hoffentlich-merkt-niemand-dass-ich-eine-Null-bin und Die-anderen-sind-noch-viel-größere-Nullen-als-ich-ha! dreht sich in unseren Hirnen munter weiter. Insbesondere, aber nicht nur von Frauen höre ich immer wieder, dass sie sich bis zur Erschöpfung verausgaben, um es bloß allen recht zu machen. Und egal, was sie tun, es ist natürlich nie genug. Nie. Das ist der Trick.

Er wohnt auch in meinem Kopf. Dafür, dass ich keine Hirnforscherin bin, habe ich ziemlich viel über Hirnforschung gelesen. Jeden Tag bekomme ich die aktuellsten Studienergebnisse per E-Mail, damit mir ja nichts entgeht. Trotzdem schiebe ich die Veröffentlichung zum Beispiel dieses Textes tagelang vor mir her, weil ich zwischendurch immer wieder befürchte, dass vielleicht ausgerechnet heute die Wissenschaft herausfindet, dass alles, was ich gerade aufgeschrieben habe, schon wieder überholt ist. Erfreulicherweise fällt mir solche Selbstsabotage inzwischen auf. In meinem Gehirn werfen sich ein paar Nervenzellen elektrische Impulse zu. Das ist ihre Aufgabe, sie meinen es eigentlich gut mit mir und fühlen sich für mein Überleben verantwortlich. Ich jedoch nehme das wahr als „Lass die Finger davon, das wird sowieso nichts“.

Minderbemittelte Mitmenschen

Wie genau der Inhalt in die Impulse kommt, wissen auch die Hirnforscher noch nicht. Was sie aber wissen: Der Inhalt ist wandelbar. In jedem Hirn tanzen Nervenzellen miteinander, aber jeder Hirnbesitzer hört seine eigene Musik. Die wiederum richtet sich nach der eigenen Aufmerksamkeit. Empöre ich mich täglich über die vielfältigen Fehler meiner minderbemittelten Mitmenschen, höre ich eine Art Freejazz. Dazu können selbst die motiviertesten Nervenzellen nicht im Takt tanzen. Leide ich oft darunter, dass mir schon wieder jemand den Parkplatz, den Job oder den Mann vor der Nase weggeschnappt hat, klingt es in meinem Kopf nach einem Trauermarsch. Nie habe ich Glück. Immer nur Pech. Armes Hascherl.

Was in meinem Hirn vor sich geht, hat nicht zwangsläufig etwas mit der Wirklichkeit zu tun. Es ist mein Privatkonzert. Im Auto vor mir fährt jemand sehr langsam. Sehr. Lang. Sam. Ich habe es eilig, fahre ganz nah ran, um ihn darauf hinzuweisen, dass er mein Fortkommen behindert. Mein Puls geht rauf, ich haue auf die Hupe. Wenn dieser Idiot nicht sofort rechts rüber fährt, werde ich ihn töten. Ich fahre noch weiter auf. Der hat eine behäkelte Klorolle auf der Ablage. Dieser Sonntagsfahrer. Meine Wut entlädt sich in einer unflätigen Schimpftirade, wissend, dass die Welt besser wäre, wenn nur Menschen wie ich auf die Straße dürften. Ohrenbetäubender Freejazz. Ein paar Sekunden später rolle ich mit exakt fünfzig am Blitzer vorbei.

Meine Binnen-Ichs und ich

Wer ist hier der Dirigent? Meine Binnen-Ichs, die gern abwechselnd den Rest von mir und den Rest der Welt beschimpfen? In mir wohnt noch jemand. Ich nenne es mal mein Ur-Ich. Es lässt sich nur blicken, wenn die anderen endlich mal die Klappe halten. Seit wir uns angefreundet haben, läuft der Tanz anders. Geht es zum Beispiel um die Frage, ob ich diesen Text nun wirklich so wie er jetzt ist veröffentlichen kann, hüpfen verschiedene Nervenimpulse durch mein Hirn: Mach doch, interessiert eh keinen. Vielleicht sollte ich erst noch das neue Buch über Neuroplastizität lesen. Ein paar Metaphern sind ein wenig überstrapaziert. Eigentlich gefällt er mir jetzt so wie er ist. Wenn ein Hirnforscher das liest, wird er mir das Ur-Ich um die Ohren hauen. Hirnforscher sind nicht meine Zielgruppe. Was soll schon passieren, mir macht es Spaß und es reicht völlig, wenn Georg, Simone und Anja auch Spaß daran haben.

Mein Ur-Ich und ich wählen aus den vielen verschiedenen Gedanken, die mein Hirn im Angebot hat, die aus, die zusammen die schönste Melodie spielen. Die nehmen wir dann, schwingen den Taktstock und wiederholen das Stück so lange, bis jeder Tanzschritt sitzt. Tanzschritte können nicht sitzen. Können sie wohl.

Seit ich weiß, dass ich mir meine Gedanken aussuchen kann, lebt es sich jedenfalls deutlich entspannter. Wenn mir mal wieder ein Impuls dazwischentrötet „du bist nix und du kannst nix, hohoho“, knuddel ich ihn kurz und schon ist er wieder weg. Das Geheimnis: Mein Ur-Ich und ich treffen uns jeden Tag ein Viertelstündchen und tun gar nichts. Inzwischen mag ich sogar behäkelte Klorollen.

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