Geierabend 2020: Pottpourrie ohne Pappnase

Westfälische Ekstase ist subtil. Auch und gerade im Karneval. Eine Sonnenbrille in geschlossenen Räumen oder ein winziges goldenes Glitzerhütchen geht hier bereits als Verkleidung durch. Auch den diesjährigen „Geierabend“ konnte ich mir nicht entgehen lassen. Ähnlich wie die Kölner „Stunksitzung“ persifliert der Geierabend eine organisierte karnevalistische Prunksitzung. Halt auf westfälisch. Wir steigern unsere Feierbereitschaft im Laufe von dreieinhalb Stunden Schritt für Schritt bis zum etwas ungelenken Mitklatschen bei den Zugaben.

In diesem Jahr war ich in Begleitung metal-affiner Freund*innen und hatte zur Freude aller Anwesenden das obligatorische Schwarz durch mein neues, für hiesige Verhältnisse nahezu nonkonformes Konfettikleid karnevalistisch aufgewertet. Zur Belohnung bekam ich am Eingang zum Saal eine Extraportion Konfetti entgegengeworfen, die im Laufe des Abends in mein gesamtes System einwanderte. Schon in den letzten Jahren fanden sich noch Monate nach Aschermittwoch Konfetto in irgendwelchen Taschen und unterm Bett. Duschen nützt nichts. Es muss rauswachsen.

„Geiern“ ist ein regionaler Fachbegriff für Lachen und der entsprechende Abend wird seit 1992 zwischen Anfang Januar und Rosenmontag in der Dortmunder Zeche Zollern zelebriert. Nein, wir fahren zum Lachen nicht unter Tage. Wie so viele wurde auch die Zeche Zollern bereits in den sechziger Jahren stillgelegt und ist seit Anfang der achtziger Jahre ein Industriemuseum. Die Sitzungsleitung beim Geierabend obliegt dem „Steiger“. Steiga waan auffe Zeche eine Aat Abteilungsleita, watt Besseret als wie dea noamale Berchmann. Das weiß ich, weil mein Vater keiner war und vor dem Kauf des kleinen Zechenhäuschens gegenüber von Fürst Leopold erst die beiden benachbarten Steiger um Erlaubnis gefragt werden mussten, ob sie uns in ihrer Mitte in Kauf nehmen würden.

Steiger Martin Kaysh
Steiger Martin Kaysh

Der Geierabend-Steiger ist eher ein Freund flacher Hierarchien und darüber hinaus einer von mir. Martin Kaysh. Sprich: Kayss-h. NICHT: Kaysch. Anfang der neunziger Jahre machten wir gemeinsam erste und zweite mediale Gehversuche. „Radio MikroWelle“, Bürgerfunk in Recklinghausen. Gefährliche Reportagen aus den Untiefen eines Parkhauses. Sowas halt. Nur meine Verwandtschaft kenne ich noch länger als Martin. Alle paar Jahre essen wir Erdbeertörtchen bei Dieter oder Currywurst nachm Geierabend. Ohne Martin wäre ich vermutlich nie auf die Idee gekommen, mich der westfälischen Variante von Karneval überhaupt auszusetzen.

Dass etwas anders ist als in den vielen Jahren zuvor, spürten wir bereits als wir unsere Plätze an der Bierzeltgarnitur einnahmen. Die Holzbänke sind hart und mein Hintern ist ähnlich empfindsam wie ich, also hatte ich immer ein dickes Kissen dabei, um das bunte Vergnügen nicht hintenrum zu trüben. Plötzlich: Polster. Pottsblitz. Wir bestellten Currywurst, Mettbrötchen und Pils – wennschon, dennschon – und machten es uns gemütlich.

Da erstens der durch diverse Filme prominent gewordene Geheimagent 007, namentlich James Bond, am 11. November 1920 als Sohn des schottischen Ingenieurs Andrew Bond und der Schweizer Bergsteigerin Monique Bond, geborene Delacroix, in Wattenscheid, einem kleinen zu Bochum gehörendem Ruhrgebietsdorf, geboren wurde und zweitens der Regionalverband Ruhr als Siedlungsverband Ruhrkohlenbezirk 1920 das Licht der Welt erblickte, lautet das Motto des diesjährigen Geierabends „Mein Name ist Pott, Ruhrpott“. Beides blitzte im Verlaufe des Abends immer mal wieder als sehr lockerer roter Faden auf.

Da ich nicht nur keine Kulturkritikerin bin, sondern auch über keinerlei Karnevalskompetenz verfüge, ist mein Urteil nicht nur radikal subjektiv, sondern auch völlig unnötig. Deswegen an dieser Stelle nur ein paar Stichworte mit der Einladung einfach mal hinzugehen. Bis Veilchendienstag am 25. Februar, also dem Tag zwischen Rosenmontag und Aschermittwoch, fliegt der Geier noch.

Froschklavier
Froschklavier

Wir sind hier zwar im Ruhrpott, aber wenn wir ein paar Meter zur Hintertür rausgehen, finden wir uns im betulichen Sauerland wieder. Dort liegt Schnöttentropp, wo sich manches Abenteuer zuträgt, über das jedes Jahr beim Geierabend berichtet wird. Früher eine Viertelstunde, heute nur noch flotte neuneinhalb Minuten. Ich nutzte die Zeit für einen Toilettenbesuch, meine Metal-Freund*innen lauschten gebannt. Ist das überstanden, fräst sich das Programm wie in jedem Jahr einmal durch alles, was gerade Thema ist. SUVs, SPD, AfD, Trump, Helikopter-Eltern, alles dabei. Auch Lokalkolorit. Und viel Musik. Das sind für mich immer die Highlights. Gute Texte, wahlweise mit Moll oder Wumms kombiniert. Das Froschklavier war wunderbar, der LGBT-Song und die Shallow-Variation auch. Den Song über Clankriminalität fand ich grandios. Große Kunst.

Erwin
Erwin

Partnerstadt des Dortmunder Geierabends ist in diesem Jahr Gelsenkirchen. Ausgerechnet. Das Schalker Maskottchen Erwin verteilte vor dem Saal blau-weiße Werbegeschenke. An diesem Abend wurde Bergfest gefeiert und zu diesem Anlass war extra eine Delegation der Partnerstadt angereist, die direkt vor der Bühne saß. Erwin hockte sich irgendwann dazu und versperrte dem halben Saal die Sicht. An solchen Stellen empfehle ich immer das Buch „Wie man Freunde gewinnt“ von Dale Carnegie. Meghan und Harry sollen sich übrigens in Gelsenkirchen erkundigt haben, wie es sich ohne Titel so lebt. Tätäää. Täätäääää.

Nicki und Priscilla
Nicki und Priscilla
Keine Helikopter-Eltern
Keine Helikopter-Eltern
Clankriminalität
Clankriminalität
Shallow
Shallow

 

 

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