Mein Hirn, mein Bauch & ich

Dicke Statue

Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach. Der Verstand ist wach, aber das Fleisch ist billig. (Eine dem Reim geschuldete, über das eigentliche Thema hinausweisende Kritik an der Lebensmittelindustrie.) Der Kopf hat sich stets bemüht, aber der Körper ist mangelhaft.

Das Schicksal hat mir übel mitgespielt. Ich bin ein Mängelwesen. Ein bisschen zu klein, ein bisschen zu mopsig, an der einen Stelle zu viel, an der nächsten zu wenig. Viele Jahre habe ich damit zugebracht, die einen Mängel zu beseitigen und die anderen zu kaschieren.

Den Kauf hochhackiger Schuhe habe ich bereits in der Jugend eingestellt, da ich mir darin lächerlich vorkam. Stöckeln wie ein Storch im Salat mit Fußballerwaden, weil die falschen Muskeln beansprucht werden. Der Orthopäde dankt. Zum Boom der Diätbücherindustrie habe ich allerdings einen erklecklichen Beitrag geleistet. Zunächst gepusht durch Zeitschriften meiner Mutter wie „Neue Post“ aß ich mit zwölf, dreizehn mal nur Eier, mal Reis ohne alles mit Apfelmus, mal Zwieback, Apfelsinen und Saure Sahne. Es folgten Druckwerke über Weight Watchers, FdH, Low Fat, Low Carb, Steinzeit, Mittelmeer und Glyx. Geholfen hat alles nix.

Also musste Fett-weg-Wäsche her. Dabei handelt es sich um Kunstfasern, die die missratenen Körperteile in etwa so eng umschließen wie eine Pelle die Wurst. Wird Fett eingequetscht, ist es mitnichten weg, sondern sucht sich einen neuen Weg und quillt über die Ränder des Bauch-weg-Mieders. Ich bekam keine Luft und der Blick in den Spiegel ließ mich ernsthaft zweifeln, ob ich mich mit Shapewear dem allgemeinen Schönheitsideal tatsächlich annähern könnte.

So gingen die Jahre ins Land, die Schwerkraft erledigt ihren Job und heute habe ich die Wahl zwischen Zuhauseverstecken, mir viele teure Dinge überzuziehen und umzuhängen, die vom Inhalt geschickt ablenken, oder ein bisschen nachhelfen zu lassen. Eine kleine Fettabsaugung hier, ein bisschen Botox dort und an dieser blöden Stelle da zaubert eine Straffung die Müdigkeit aus meinem Gesicht. Fitnesscenter gegen Winkfett und Kosmetikerin gegen große Poren sind ebenso selbstverständlich wie jede Saison neue Garderobe und dazu farblich harmonierende Lippenstifte und Nagellacke.

Da stehe ich also, frisch lackiert, mit den tollsten Klamotten, gucke in den Spiegel und mein Hirn teilt mir das Ergebnis seiner Begutachtung mit: Lange kannst du mit diesem Gesicht und der Beule am Bauch nicht mehr aus dem Haus gehen.

Kürzlich begegnete mir eine wunderschöne, mit mehr als einmeterachtzig hochgewachsene, gertenschlanke Frau. Ihr Problem: Sie ragt heraus. Ein paar Tage vorher hatte ich eine Talkshow gesehen, in der ein Mann erzählte, dass er gern Model werden wollte und weil er mit 1,78 dafür zu klein war, hat er seine Beine operativ um acht Zentimeter verlängern lassen. Klar, Frauen sollten schon kleiner sein als Männer. Klar? Wer sagt denn das? Die Gesellschaft? Das System? Irgendwie schon. Wer ist das? Wir? Etwa ich?! Irgendwie schon.

Selbst wenn man meine trainierten Bauchmuskeln eines Tages sehen könnte, ich Oberarme hätte wie Michelle Obama, ein Gesicht wie Mona Lisa und einen Hintern wie Jennifer Lopez, dann würde mir Frauke Ludowig erklären, dass man nur mit Nieren, die völlig symmetrisch sind, wirklich glücklich werden kann. Rein ästhetisch sind wir bereits auf dem Weg von außen nach innen: Schamlippenkorrekturen sind zurzeit voll angesagt. Warum hat es bis ins einundzwanzigste Jahrhundert gedauert bis wir gemerkt haben, dass sie nicht umsonst so heißen?

Laurie Penny schrieb: „Wenn alle Frauen dieser Erde morgen früh aufwachten und sich in ihren Körpern wirklich wohl- und kraftvoll fühlten, würde die Weltwirtschaft über Nacht zusammenbrechen.“ Das glaub ich nicht. Wir können unser Geld für gutes Essen und guten Wein ausgeben, für bereichernde Reisen und tolle Filme, für spannende Bücher und schöne Blumen. Und natürlich für Projekte, die anderen Menschen helfen, irgendwo auf der Welt. Mein Hirn rümpft ein paar Synapsen ob dieser moralisierenden Wendung.

Gegen Müdigkeit im Gesicht hilft übrigens Schlafen. Und selbst in jedem Elefanten steckt eine Elfe. Immer.

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am Blog. Setzte ein Lesezeichen permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.