Kroketten, Karaoke & Hallelujah

KEINE WEIHNACHTSGESCHICHTE

Eigentlich wollte ich eine Geschichte schreiben über Klaus, das Klavier, und Sabine, das Saxophon, die gern miteinander gespielt hätten, aber sich noch nicht einmal auf die Tonart einigen konnten. Da Weihnachten ist und mir der Sinn nicht nach Streit steht, hat das nicht geklappt. Also doch wieder was Autobiographisches.

Meine Geschichte ist eine Geschichte voller Missverständnisse. Als Kind wollte ich einen Hund und bekam einen Wellensittich. Ich wollte eine Querflöte und bekam eine Heimorgel, weil Franz Lambert zu dieser Zeit Wunschhits von Heino bis Freddy Quinn orgelte. „Oh, Susanna“ und „Greensleeves“ stehen seitdem auf der Todesliste. In der Pubertät entdeckte ich meine melancholische Ader und habe nicht nur vor Woolworth in Dorsten für den Frieden geschwiegen, sondern auch im Kinderzimmer meiner damals besten Freundin gegen den Krieg gesungen. Mit Peter Burschs legendären Gitarrenbüchern brachten wir uns ein kleines Repertoire von „Universal Soldier“ über „Blowin‘ in the Wind“ bis „Port of Amsterdam“ in der Bowie-Version bei.

Ein paar beste Freundinnen und drei Schulen später träumte ich davon, auf einer Bühne zu stehen. Ich spielte und sang und die Leute jubelten mir zu. Diese Vorstellung gefiel mir so gut, dass mir die aktuelle Freundin die Gelegenheit verschaffte, irgendeinem Musikmenschen – aus einer Band, von einer Plattenfirma, ich weiß es nicht mehr – was vorzuspielen. Freundlicherweise hat mein Hirn nur wenige Neuronen mit Erinnerungstrümmern an dieses Desaster erhalten. Danach hatte die Musik erstmal Pause und ich verbrachte den größten Teil meines Studiums mit Marx, Murks, Sitzungen und Wahlkämpfen. Und den Rest im „Oblomow“.

Gegen Ende des Studiums lernte ich einen Pianisten kennen, der meine Liebe zum Klavier weckte. Bald stand ein altes Klavier in meiner Küche, es folgten zwei, drei Jahre Klavierunterricht mit viel Muskelkater in den kleinen Fingern. Wirkliches Talent hatte ich trotz verorgelter Vergangenheit nicht und das Ziel – sowas wie Keith Jarretts „Köln Concert“ hätte es schon sein müssen – war in derart weiter Ferne, dass es mir aussichtslos erschien. Noch heute würde ich es lieber können als lernen.

Vor fünf Jahren dann fand ich meine erste Gesangslehrerin. Eine Opernsängerin. Eine resolute Matrone, die mir bereits in der ersten Stunde die Illusion raubte, in näherer Zukunft irgendwas singen zu dürfen, auf das ich Lust hatte. Stattdessen: Tonleitern. Stimmübungen. Vokale in allen Variationen. Rauf und runter und wieder rauf. Eben habe ich stichprobenartig in die alten Aufnahmen reingehört. In mp3-Form gegossenes Grauen. „Uah, uah, uah …“, „Dingdong, dingdong …“, „Juhunge …“, Richtung Hohes C. Auffahrunfall mit Totalschaden. Einwände, dass ich keine Opernsängerinnenkarriere anstreben würde, blieben unerhört.

Da zum guten Ton auch eine korrrekte Aussprache gehört, standen Zungenbrecher auf der Tagesordnung. In der Umgangssprache von Leuten aus dem Ruhrgebiet wird das R häufig durch ein A ersetzt. Bei uns heißt es Ruagebiet, Doatmund, Kleingaatnvaein. Ein R muss rrrollen. Und zwar nicht hinten im Rrrachen, sondern vorne mit der Zungenspitze. Um das Ruhrpotthirn zu überlisten übten wir die harte Konsonantenkombination „kr“, indem wir sie vorne als „kd“ formten. Ich klöppelte einen sinnfrei alliterierenden Satz: „Eine kdause Kdöte und ein kdasser Kdebs kdabbeln und kdibbeln in kdiminellen Kdeisen, kdaulen kdustige Kdumen, kdächzen wie kdosse Kdoketten und kdempeln kdautige Kdäuter um.“ Spätestens bei den Kroketten war ich jedesmal raus. Da ich nach einem Jahr immer noch kein Lied singen durfte, suchte ich mir eine neue Lehrerin.

Zwischenzeitlich begann ich mit Gitarrenunterricht, um den sich heimlich entwickelnden Gesang angemessen begleiten zu können. Und weil ich den Takt nur fand, wenn ich ihn selbst spielte. Mein Gitarrenlehrer ist ein echter Virtuose und nebenberuflich Drummer einer recht bekannten Bochumer Punkband, deren Frontmann gern untenrum nackt auftritt. Nein, ich habe keine Berührungsängste. Also fast nie. Es dauerte Monate bis ich endlich F-Dur ohne Schnarren greifen konnte und die Haut an den linken Fingerkuppen etwas robuster wurde. Fehlendes Talent durch Fleiß zu kompensieren habe ich auch hier versäumt.

Bambusbedingt war in den letzten anderthalb Jahren nicht viel Zeit zum Üben. Der Dezember kam trotzdem. Und mit ihm das Bedürfnis nach melancholischen Molltönen, nach wohliger Dunkelheit. In den letzten Jahren habe ich einen dicken Ordner angelegt mit allem, was dazu nötig ist. Joe Cocker, Joan Baez, John Denver, Irish Folk, das ganze Programm aus der Woolworth-Zeit. Da damals verjährt ist und ich meine Fähigkeiten gut einschätzen kann: auch viel Adele. Ein einzelnes engelsgleiches F-Dur ist eine Sache. Schnell umgreifen und komplexe Pickingmuster sind was anderes. Wenn ich die Finger nicht regelmäßig fordere, halten sie zwar die Zahnbürste, nicht jedoch drei aufeinanderfolgende Barrégriffe.

Warum Musizieren gegen Demenz hilft, ist offensichtlich: Die Augen gucken auf die Noten, schicken die Informationen ans Hirn. Das Hirn verarbeitet diese und sendet Signale an die Finger. An die linke Hand andere als an die rechte. Ist auch noch Gesang dabei, kommt gleichzeitig zu verarbeitender Text dazu, der an die Stimmbänder weitergeleitet wird. Stabhochsprung ist ein Witz dagegen. Das Hirn hat keine Chance einzuschlafen und graue Substanz abzubauen, weil jede Zelle gebraucht wird. Da ich frühestens mit hundertfünf sterbe und zwar klaren Verstandes und körperlich bumsfidel, gleichzeitig jedoch keinerlei Leidenschaft für Stabhochsprung empfinde, ist Musik neben Meditation, Yoga und Joggen eine gute Sache.

Brennender Wunsch gepaart mit fehlender Übung ergibt: Kunst ohne Können. Kurz: Karaoke. Einigermaßen populäre Stücke sind bei Youtube meist auch instrumental mit eingeblendetem Text zu finden. Vermeintlich idiotensicher sind die Versionen, die den Text farblich verändern, damit man weiß, wo man gerade hätte sein sollen. Um auch wirklich den Einsatz zu treffen, läuft manchmal ein Balken mit Zahlen voran … noch vier … drei … zwei Sekunden … Mist, wieder einen Wimpernschlag daneben. „Read all about it“ von Emeli Sandé zum Beispiel hat in den Strophen derart viele Silben pro Takt, dass der Wettlauf gegen die bunten Buchstaben nur scheitern kann. Selbst wenn wir gleichzeitig am Ziel ankommen: Es bleibt blutleer. Singen ist wie Autofahren. Sobald ich vor einem Hindernis nachdenke, wo nochmal die Bremse ist, lande ich vorm Baum.

Dieses Jahr muss die Discountversion von „Amazing Grace“ reichen. Erster Vorsatz für 2020: hinhören. Lauschen und üben. Im nächsten Dezember klingt die Welt schon wieder ganz anders. Frei nach Leonard Cohen: Hallelujah.

 
 
 
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Eine Idee zu “Kroketten, Karaoke & Hallelujah

  1. Lau, Thomas sagt:

    Ganz herrliche Kurzgeschichte, so richtig aus dem Leben gegriffen…
    Mann fühlt sich sofort ein, ich spiele seit 32 Jahren hobbymäßig Gitarre ;o)

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