Die Wunder des Lebens feiern

Schaukeln am Strand

Bis vorhin hatte ich Geburtstag. Den Tag habe ich allein verbracht.
Allein?
Natürlich nicht.

Gestern war ich den ganzen Tag bei einem sehr schönen Event und um halb sechs Zuhause. Ganz ohne Vorbereitung geht’s auch nicht. Um halb acht kamen die ersten Leute. Mit wenigen Ausnahmen habe ich es schon immer so gemacht, dass die Gäste als Geschenk das Essen mitbringen. Das funktioniert derart gut, dass ich es vermutlich nie ändern werde. In meinen früheren Wohnungen lebte ich meist unterm Dach, vier, fünf Etagen rauf, Altbau, natürlich ohne Aufzug. Die ersten Männer, die kamen, mussten die Bierkisten aus dem Auto holen. Auch das hat funktioniert. Ko-Kreation 1.0. Der gestrige Tag bekommt drei rote Herzen im Kalender, weil er rundum gelungen war.

Gestern endete spät, heute begann spät. Zum dritten Mal in einer Woche zog es mich in meine Laufschuhe. Das ist, zumal im Winter, sehr ungewöhnlich. Und heute schien noch nicht einmal die Sonne. Aber ich habe eine Belohnung eingebaut. In der Mitte meiner Laufstrecke steht eine Schaukel. Anders als Wippen, wo die anderen mich als Kind oft haben runterknallen lassen, empfand ich Schaukeln schon immer als reine Freude und Wohltat. Vor vielen Jahren habe ich eine Uni-Exkursion ins südliche Afrika gemacht. Daran habe ich ziemlich viele ziemlich schöne Erinnerungen und treffe mich mit den Leuten von damals noch heute ein-, zweimal im Jahr. Eine sehr besondere Erinnerung ist die an einen Campingplatz, irgendwo im Nirgendwo in der namibischen Wüste. Etwas abseits stand eine Schaukel. Dort schaukelte ich in einen Sonnenuntergang. Damals war ich inmitten vieler wunderbarer Menschen alleine, unglücklich, unfertig und auf der großen Suche. Aber dieser Moment war vollkommen.

Dieses Gefühl habe ich noch heute. Ein kalter, bewölkter Januartag in Dortmund-Nette. Bäh. Wenn ich auf der Schaukel sitze und die Sonne hinter den Wolken sehen kann, ist es vollkommen. Veit spricht immer mal von „grundloser Freude“, zu der jede*r in der Lage sei. Nach drei Jahren Veit-Vollprogramm ist das der erste und einzige Punkt, wo sich in mir ein Widerspruch regt. Es ist nicht grundlos. Es ist der Ur-Grund. Der Urgrund. Wenn ich nur ein paar Sekunden dort schaukelnd den Wind wahrnehme, der sich von vorne anders anfühlt und anders klingt als von hinten, in den Himmel schaue und mir bewusst mache, was für ein Geschenk dieser Moment ist – dann gibt es keine Fragen und keine Suche mehr. Es ist alles da. Jetzt. Es ist vollkommen. Alles ist vollkommen. Sogar dieses Ich. Ja, auch dieses winzige, unperfekte, komplett bescheuerte Ich, das immer noch seinen Lebenssaft daraus saugt zu glauben es sei allein und getrennt von allem wahrhaft Lebendigen. Viele Jahre kratzte ich an der Tresorwand, im letzten Jahr hab ich den Hammer rausgeholt. Und dann stand da plötzlich jemand mit einem Schlüssel. Im Grunde ist die Geschichte immer gleich, wie im aktuellen Star Wars-Film: „Sie gewinnen, indem sie dich glauben lassen, du seist allein.“ Und am Ende tun sich alle zusammen und das Blatt wendet sich. „Das ist keine Flotte, es sind einfache Leute.“

Heute habe ich lange mit einer Freundin telefoniert, die mir im Moment jeden Tag mehr ans Herz wächst. Da sie knapp fünfhundert Kilometer entfernt wohnt, war sie beim Reinfeiern nicht dabei. Eine unglaublich schöne, rebellische, kraftvolle und mutige Frau, die sich selbst noch nicht so sehen kann wie sie wirklich ist. Vollkommen. Es ist alles da. Wir müssen das Paradies nicht suchen. Wir SIND unser Paradies. Das Alpha und das Omega. Der Anfang und das Ende. Ich beginne zu verstehen. Danke, Veit. Dieser Freundin habe ich heute gesagt – und ich sage es – natürlich – vor allem mir selbst: Was maßt du dir an, dieses Geschenk, dein LEBEN, abzulehnen?! Wie kannst du nicht vor Ehrfurcht davor auf die Knie fallen?! HOW DARE YOU?! Ist dir eigentlich klar, was für ein einzigartiges Wunder du bist?!

Wenn ich auf der Schaukel sitze, sehe ich immer innerhalb von fünf Sekunden, was für ein Wunder diese Welt ist. Wie viel größer als mein Verstand das ist, was mich umgibt. Und – ein paar Sekunden später: Was für ein Wunder ich bin. Ich kann an mir runter- und in mich hineinschauen und Fehler und Probleme sehen. Oder ich kann das Wunder sehen. Es ist meine Wahl.

Die Wunder des Lebens feiern. Die Zeit ist reif für Ko-Kreation 2.0.

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